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Zur Ergänzung und Vertiefung des Beitrags über proteinreiche Ernährung im letzten IG FÜR-Newsletter sprach die Newsletter-Redaktion mit Dr. Judith Gutberlet, Dipl.-Humanbiologin und Dozentin an den Medischulen Fulda und der Deutschen Heilpraktikerschule Fulda.

Kann man zu viel Eiweiß essen?

Ein klares „Ja“. Gleichzeitig ist es aber wichtig, das differenziert zu betrachten. Es kommt nämlich auf das Alter der Menschen an und auf die Art des Proteins, das sie essen, eigentlich auch darauf, welchen Energieverbrauch sie haben. 

Das erste Mal wurde ich auf den Zusammenhang von Fleischkonsum und Krebsentstehung durch die vielzitierte und auch kritisierte „China-Study“ aufmerksam. Colin Campbell berichtet darin von einer Studie, in der das Krebswachstum in Nagern durch die Veränderung des Anteils von tierischem Protein gesteuert werden konnte: Mehr tierisches Protein (> 20 % der Gesamtenergiezufuhr) führte zum Krebswachstum, weniger (< 10 %) zum Stillstand oder sogar zum Rückgang. Damals fragte ich mich schon, ob es von der Art des Proteins abhängt. David Servan-Schreier zitiert in seinem Buch eine Analyse, in der (alterskorrelierte) Krebsraten aus der Datenbank des internationalen Krebsforschungszentrums (IARC) mit dem Verhältnis tierischer und pflanzlicher Ernährung in verschiedenen Ländern verglichen werden. 

... und was kam dabei heraus?

Das Ergebnis: Je mehr tierische Produkte in der Ernährung, umso mehr Krebsfälle, je mehr pflanzliche Nahrung, umso weniger Krebs in der Bevölkerung. (Das Anti-Krebs-Buch, S. 133, Goldmann).

Was muss noch beachtet werden?

Es gibt verschiedene physiologische Faktoren, die sich bei hohem Proteinkonsum negativ auswirken: Das Abbauprodukt von Proteinen ist Harnsäure, was Niere und Leber belasten kann. Deshalb sterben Katzen, die sich ausschließlich von Fleisch ernähren, meist an Nierenversagen.
Eine interessante peer-reviewte Studie zu diesem Thema zeigte, dass eine hohe Proteinzufuhr mit einem 75 % höheren Sterberisiko und einem vierfach erhöhten Krebssterberisiko bei Menschen über die folgenden 18 Jahre verbunden war. Dieser Zusammenhang bestand aber nur bei den unter 65-Jährigen. Bei Menschen über 65 Jahren zeigte sich das Gegenteil: Weniger Protein war mit höherer Sterblichkeit und Gebrechlichkeit verbunden, während mehr Protein in der Ernährung schützend wirkte. Allerdings änderte das Alter nichts an dem fünffach erhöhten Diabetes-Sterberisiko, das sich in allen Altersgruppen zeigte. (Longo et al., Cell Metabolism 19, 407–417, 2014, PMID 24606898). (Auch hier war die Proteinmenge definiert wie bei Colin Campbell: high protein group (20% or more of calories from proteins), a moderate protein group (10%–19% of calories from proteins), and a low protein group (less than 10% of calories from proteins).)
Und erinnern Sie sich noch? Im Oktober 2015 hat die IARC rotes und verarbeitetes Fleisch in die Kategorie krebserregender Stoffe eingestuft (Gruppe 2A und Gruppe 1, wie Rauchen). Das ist schon wieder über 10 Jahre her und es wurde damals schnell kleingeredet, obwohl 800 Studien zum Thema Fleischkonsum in unterschiedlichen Ländern analysiert wurden und die Ergebnisse entsprechend eindeutig waren.

Unglaublich – schon so lange her...

Noch eins dazu: Prof. Michalsen von der Charité kam in seiner kardiologischen Forschung ebenfalls zu dem Schluss, dass pflanzenbasierte Ernährung den größten gesundheitlichen Nutzen für seine Patienten bringt. Er empfiehlt reichlich pflanzliches Protein. (Mit Ernährung heilen (Insel Verlag, 2019))

Die Proteinquelle spielt also eine große Rolle – also woher stammt das Eiweiß, aus Pflanzen oder aus tierischen Quellen. Wie wichtig ist das denn tatsächlich?

Ja. Bei pflanzlichem Protein verschwand dieser Effekt auf die Sterblichkeit in der eben zitierten Studie von Longo weitgehend. Das bedeutet: Nicht das Protein an sich ist das Problem, sondern in erster Linie tierisches Protein in hoher Menge. Physiologisch wird dieser Effekt auf den erhöhten IGF-1-Spiegel (ein Wachstumsfaktor) zurückgeführt, der durch die höhere Proteinzufuhr verursacht wird. Denn Organismen mit niedrigen IGF-1- und Insulinspiegeln leben am längsten und leiden weniger an altersbedingten Erkrankungen einschließlich Krebs und Insulinresistenz/Diabetes. Pflanzliches Protein aktiviert diesen Signalweg anscheinend deutlich schwächer als tierisches.

Also kein Fleisch mehr oder zumindest deutlich weniger...

Deshalb empfehle ich eine v. a. pflanzenbasierte Ernährung. Der Vollständigkeit halber kann es sich im höheren Lebensalter anders zeigen, wo Bedarf und Nutzen von Protein gut abgewogen werden müssen, weil ältere Menschen ja einen geringeren Energiebedarf haben, trotzdem aber gut mit Protein versorgt werden sollten, um Muskelabbau entgegenzuwirken. Allerdings muss man dazu auch immer sagen: der stärkste Reiz zum Aufbau von Knochensubstanz und Muskulatur ist der Trainingsreiz: Use it or loose it. Und Muskeln, die ich in jüngeren Jahren aufgebaut habe, helfen natürlich auch, beim Älterwerden stabil zu bleiben.

Das wird den Gegnern einer pflanzenbasierten Ernährung weniger gefallen. Gibt es noch mehr Argumente?

Es gibt noch ein paar andere negative Effekte von tierischem Protein im Stoffwechsel. Es wirkt z. B. säurebildend im Körper, außerdem enthält es im Verhältnis zu pflanzlichem Protein einen höheren Anteil der Aminosäure Methionin, die zu Homozystein abgebaut werden muss und das erhöht das physiologische Stress-Level im Körper. Zusätzlich nehmen wir mit tierischen Produkten natürlich zu viele gesättigte Fettsäuren auf, die sich negativ auf die Herz-Kreislauf-Gesundheit auswirken können. (s. o. Prof. Michalsens Ernähurngsempfehlung)

Verdrängt ein hoher Proteinkonsum – wie es derzeit im Trend liegt und von der Ernährungsbranche auch mit proteinreichen Produkten unterstützt wird – andere wichtige Nährstoffe wie Kohlenhydrate, Fette oder auch Ballaststoffe, sekundäre Pflanzenstoffe oder komplexe Kohlenhydrate?

Das ist ein guter Gedanke und ich kann es mir gut vorstellen. Wenn der Fokus beim Essen stark auf der Proteinmenge liegt und die Zufuhr besonders über tierische Quellen, wie Fleisch oder sogar Proteinshakes erfolgt, dann bleibt weniger Platz für andere Lebensmittel, die aber wichtig und gesundheitlich förderlich sind. Z.B. werden dann weniger Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, Gemüse und Obst gegessen. So fehlen dann Ballaststoffe, Vitamine und sekundäre Pflanzenstoffe. Und Fleisch enthält auch zu wenig Kalium, das viele wichtige Aufgaben im Stoffwechsel erfüllt und dessen Mangel u. a. mit Übersäuerung, Insulinresistenz und erhöhtem Blutdruck zusammenhängen kann.

... und das gilt auch für Eiweiße aus pflanzlichen Quellen?

Auch hier verhält es sich wieder ein bisschen anders, wenn man sein Protein überwiegend aus möglichst wenig verarbeiteten pflanzlichen Quellen bezieht, wie Hülsenfrüchte und Vollkorngetreide in Kombination mit Quinoa und Amaranth für eine ausgeglichene Aminosäurezufuhr. Dann bekommt man Ballaststoffe und Protein gleichzeitig.

 

Dr. Judith Gutberlet ist Dipl. Humanbiologin und promovierte am Institut für Anatomie und Zellbiologie der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Anschließend absolvierte sie ein Fernstudium an der Akademie für ganzheitliche Lebens- und Heilwesen und legte die staatliche Prüfung als Heilpraktikerin ab. Sie machte Fortbildungen in Homöopathie, Akupunktur, Ernährungsmedizin, pflanzliche Ernährung, Vitalstofftherapie, Breuß-Massage + Thai-Yoga-Massage und Ayurveda Ernährungsberatung. Seit 2014 betreibt Dr. Judith Gutberlet eine Praxis für klassische Homöopathie in Fulda. Die Mutter von zwei Kindern arbeitet als Dozentin an den Medischulen Fulda und der Deutschen Heilpraktikerschule Fulda, schreibt Beiträge in Büchern und Zeitschriften. Sie hält Kurse und Vorträge zu folgenden Themen: Fasten nach Buchinger und Lützner, pflanzenbasierte Enährung, ayurvedische Ernährung, Anti-Krebs-Ernährung, Stressmanagement, Achtsamkeit, Yoga, Selbsterfahrung. Sie wird auch beim IG FÜR-Symposium am 1. Oktober 2026 in Frankfurt/Main als Referentin dabei sein.